Fit mach mit

Ein ruhiger Morgen beginnt. Was man beim Blick auf den Himmel erst nach einiger Zeit bemerkt, es gibt keine Kondensstreifen zu sehen. Sehr schön.

Die Nacht war nicht ganz so ruhig. Uns gegenüber ist ein Unternehmen, das Kajaktouren und Whale Watching anbietet, nette junge Leute, mit denen wir schon geplaudert haben.

Gestern nach Dienstschluss kam ein Handwerker vorbei. Keine fünf Minuten später kreischt ein Alarm los. Wir stürmen auf die Terrasse, nachdem wir sichergestellt haben, dass die Sirene nicht bei uns im Haus dröhnt.

An unserem Zaun hängt der Anschluss von Remote Passage an das örtliche Stromnetz und in diesem Kasten ist auch ein Schutzschalter, der an eine Sirene und ein Blinklicht angebunden ist. Wenn man also im Haus einen richtig feisten Kurzen reißt, dann fällt dieser Schutzschalter und der Alarm geht los.

Der Arbeiter kommt aus dem Haus, geht zu dem Kasten öffnet ihn und schaut verdutzt hinein. Nach kurzer Zeit verschwindet er wieder im Gebäude, um mit Ohrenschützern zurückzukehren. Schlau bei dem Lärm, aber wohl nicht die Lösung. Er schaut weiter in den Verteiler und legt nach einigem Überlegen einen Hebel um. Stille. Kein Warnlicht mehr.

Zufrieden kehrt er in die Räumlichkeiten des Touranbieters zurück. Räääääääääh! Und wieder geht der Alarm los. Um es abzukürzen, das haben wir dann noch sieben Mal so gespielt. Seine Denkphase wurde immer kürzer und sein Gesicht so rot wie die Lampe.

Was auch immer er da drinnen anders gemacht hat, es scheint zu funktionieren. Brrrrrrrrrrrrr! Na super, das war sein Schremmhammer, der die Sicherung fallen hat lassen. Wir fragen uns, was man in einem Holzhaus, das auf einem Holzsteg steht, mit einer Hilti stemmen kann. Bis tief in die Nacht hören wir sein Treiben.

Wie gesagt, ein ruhiger Morgen, der Otter, den wir gestern schon beobachtet haben, schwimmt heute direkt vor unserem Haus im seichten Wasser.

Kurz darauf entdecken wir vor der Insel gegenüber eine Schule kleiner Schwertwale (Pseudorca crassidens), nicht die schwarz-weißen, sondern die nur schwarzen, die sich heimlich an den Booten vorbeischummeln und Richtung Osten verschwinden. Scheinbar hat sie sonst niemand entdeckt, auch die beiden Tourguides, die gegenüber gerade eine Einführung für das Whale Watching geben, bemerken sie nicht.

Bald packen wir unsere Sachen, denn heute geht es auf die Insel Meares, um dort den Big Tree Walk zu gehen.

Um dorthin zu gelangen, hat uns Babsy gestern ein Wassertaxi gebucht. Auf dem Weg zum Pier kommen wir an einem großen Elektroschrank vorbei, der netter gestaltet ist, als unserer am Zaun.

Wir legen am selben Steg ab, an dem die Flugzeuge von Tofino Air anlegen.

Eine Frau, die mit uns auf dem Boot ist, fragt Neal, den Skipper, ob man hier Wale sehen kann. Er hat in den letzten fünf Jahren nur dreimal die Meeressäuger rund um Tofino gesehen. Tja, hättest du heute früh in Richtung Norden geschaut …

Flott wedeln wir mit dem Boot zwischen den kleinen Inseln hindurch.

In der Ferne sehen wir Schnee auf den höchsten Bergen, der dort wohl ganzjährig liegen bleibt.

Die Insel ist ein geschütztes Gebiet der Tla-o-qui-aht First Nation. Die Bäume sind bis zu 2.000 Jahre alt.

Nachdem wir angelegt haben, erklärt uns Neal kurz, wie der Trail verläuft. Er beginnt mit einem Steg, der etwa einen Kilometer weit in den Wald führt. Hin und zurück braucht man rund eine Stunde, der Weg ist rutschig, zeitweise sind Löcher im Steg, also Vorsicht, man muss gut zu Fuß sein.

Wer weiter gehen will, am Ende des Boardwalks beginnt ein unbefestigter Pfad durch den Wald, voll von Wurzeln, umgefallenen Bäumen, über die man klettern oder unter denen man hindurchkriechen muss. Da es letzte Woche geregnet hat, ist der Weg schlammig. Das wiederholt er dreimal. Dauer 2 bis 2 1/2 Stunden.

Er notiert sich, wer welchen Trail machen möchte und wann somit die Abholung erfolgt. Bei solchen Wanderungen haben wir die Zeit fast immer gut unterboten, also los.

Keine hundert Meter und wir stehen unter beeindruckenden alten Riesen, der Trail trägt seinen Namen zurecht. Wer unter Dendrophobie, der Angst vor Bäumen, leidet, sollte hier zu lesen aufhören, denn es kommen viele davon.

Der Steg ist aus gespaltenem Holz gemacht, um ihn beständiger gegen Witterung und Abnutzung zu machen, außerdem hat er somit eine natürliche Rauheit.

Neals Warnung war berechtigt, zeitweise fehlen Bohlen, wackelt die ganze Konstruktion oder ist sehr rutschig. Volle Aufmerksamkeit auf den nächsten Schritt.

Immer wieder finden wir große Bäume, die ausgehöhlte Stämme haben und trotzdem weiterleben. Eine Person kann darin ohne Problem stehen.

Bis zu 45 Meter hoch braucht es gut 10 – 12 Personen, um diese Riesen zu umfassen.

Zum letzten Mal sehen wir das Meer durch das Dickicht blitzen, dann geht es weiter ins Innere der Insel.

Der alte Steg ist schon etwas in die Jahre gekommen, gut, dass laufend an der Erhaltung gearbeitet wird. Immer wieder sehen wir aufgestapeltes Holz und Werkzeug.

Eine Herausforderung für unsere Pilzkundigen. Etwa handtellergroß und leicht zerfressen.

Wir erreichen die uralte Zeder namens ‘Tree of Life‘ …

… und blicken ehrfürchtig nach oben. Man muss sein Kreuz schon richtig durchbiegen, um ihn in seiner vollen Größe zu sehen.

Dies ist natürlich ein Urwald, der bis auf den Steg unberührt ist. Auch hier wachsen neue Bäume auf den Resten der alten und wenn vom Ahnen nichts mehr übrig ist, sieht man die jungen Wurzeln, die einst den toten Stamm des Vorgängers ausgesaugt haben.

Immer wieder sieht man alte Bäume, die irgendwann vom Blitz getroffen wurden. Dieser fährt dann durch den Kern des Baumes nach unten und kann ihn von innen entzünden. Dann brennt sich ein Kanal von oben bis unten durch den Stamm. Der Baum überlebt das oft und zeigt dann seine schwarzen Narben.

Wir kommen zu einem Harvest Tree …

… dabei handelt es sich um Bäume aus denen die Ureinwohner meterlange Bretter gehackt haben. Dabei wurde darauf geachtet, dass man den Baum am Leben lässt. Heute kann man noch das eckige Loch sehen und der Baum hat hunderte Jahre lang weitergelebt.

Wir erreichen das Ende des Steges.

Und gleich beginnt der Schlamm. An den richtig schlimmen Stellen haben wir keine Bilder gemacht, da waren wir damit beschäftigt einigermaßen trocken die Stelle zu überqueren, ohne bis zur halben Wade im Gatsch zu versinken.

Dieser Baum hat seinen Vorgänger fest umklammert. Unten durch.

Es wird Zusehens anspruchsvoller nicht vollkommen verdreckt unter den Hindernissen herauszukommen. Klettern inklusive.

Limbo!

Alles nass und rutschig. Im Vergleich zum ersten Teil des Weges, der über den Steg geführt hat, bekommt man am zweiten Teil viel weniger vom Wald mit, da man ständig damit beschäftigt ist den nächsten sicheren Tritt zu finden. Die Augen sind meist auf den Meter Pfad direkt vor einem gerichtet.

Wenn einer der Bäume seinen Halt im Boden verliert und umfällt, kann man den Wurzelballen von unten betrachten. Wer fällt, wird sofort von der nächsten Generation verschluckt.

Dieser vom Blitz getroffene Baum ist umgefallen und man kann den ausgebrannten Kanal gut sehen. Während wir uns den Riesen genauer anschauen hören wir hinter uns ein Nagen. Ein Eichhörnchen sitz keine drei Meter hinter uns auf einem Baumstumpf und zerbeißt einen Zapfen. Es lässt sich von unserer Anwesenheit in keinster Weise stören.

Die meisten der wirklich großen Bäume sind ein Zusammenwachsen von unzähligen kleineren. Gute sechs Meter Durchmesser hat der Stamm.

Dass die Bäume in dieser Gegend die wildesten Wuchsformen hervorbringen können, haben wir ja schon gesehen und gezeigt. An diesem alten Stück Holz kann man an den Fraßspuren erkenne, wie in sich verdreht das Holz sein kann. Wie ein Stück Seil.

Alter Mann und noch viel älterer Baum.

Was für ein Geflecht aus Wurzeln.

Zwischen all diesen Giganten findet man auch ganz filigrane Strukturen.

Gleich darunter ein farbenfroher, faustgroßer Baumschwamm.

Die gestrige Wanderung war etwas für die großen Muskelpartien in Oberschenkeln und Gesäß. Das heute geht schlimm auf Waden und Knie. Auch die Finger machen sich nach oftmaligem Klammern und Hochziehen langsam bemerkbar. Na wenigstens ein ausgeglichenes Trainingsprogramm.

Ein paar letzte Hindernisse, bei denen wieder der Rucksack runter muss.

Dann erreichen wir nach etwa 3,7 km das Ende des Steges, der zur Anlegestelle führt.

Endlich ein Hinweis auf das Boot.

Uff, 2 Stunden 15 Minuten, obwohl wir nur viermal kurz zum Wassertrinken stehen geblieben sind. Der Trail hat es in sich. Das hätten wir uns nicht gedacht, ein echtes Fit-mach-mit Programm. Wenn man sich dem Wald richtig widmen will, braucht man sicher eine Stunde länger.

Da ist er endlich, der Landesteg.

Neal holt uns mit dem Wassertaxi ab und gut eine viertel Stunde später sind wir wieder in Tofino.

Wir gehen noch schnell etwas einkaufen, beschließen dann aber aufgrund unseres niedrigen Energielevels, dass wir uns einen fertigen Sandwich als take-out mitnehmen, statt zu kochen.

Wenn wir schon beim Kulinarischen sind, wollen wir hier ein Ranking der bisher getesteten Biersorten festhalten. Von links nach rechts besser werdend. Die Dosen des Islander Lager mit dem Orca ist optisch sehr ansprechend, ebenso das Road Trip Classic Lager (sehr passender Name), aber leider können sie sonst wenig. Das Budweiser ist ein Klassiker, aber ein amerikanisches Bier. Sieger ist das Lucky Lager aus Kanada.

Kaum hat die Hafenmeisterin ihren Sandwich verputzt, ist sie schon wieder im Dienst.

Wir nutzen die Ruhe des Abends, um an das kleine Stück Strand gegenüber von unserem Haus zu gehen, ist ja nur über den Schotterweg.

Als wir für unser traditionelles ‘Füße im Wasser‘ Foto in das kalte Wasser steigen, meint Arno ein kurzes Zischen von seinen heißgelaufenen Latschen zu hören.

Wir wünschen und hoffen auf eine gute Nacht, nicht dass der Handwerker wieder mit der Sicherung spielt und stemmt.