Brücken, Cider und Totems

Wir sind lange genug an einem Ort gewesen, es ist wieder Zeit zu reisen, deshalb sind wir ja auch hier. Heute durchqueren wir Vancouver Island von West nach Ost und schauen, was die Wälder so zu bieten haben. Gleich von Beginn an ist die Straße schmal und mit Schlaglöchern überzogen, das Wetter nebelig feucht und der Wald dicht.

Die erste kleine Attraktion versteckt sich in einem See, der Bonsai, der auf einem Baum wächst. Auf einem halb versunkenen Baumstamm hat sich ein junger Baum sein zu Hause gesucht und sitz nun einsam inmitten des Sees. Fast hätten wir ihn verpasst.

So einsam und verlassen der Wald auch ist, eine Baustelle geht immer. Der Hang, auf den man blickt, ist wohl vor Jahren das Opfer eines Waldbrandes geworden. Die stehen geblieben Stamme sind hellgrau, fast schon weiß, ähnlich wie die Ghost Trees an der Westküste Kaliforniens.

Da dies eine Nebennebenstraße ist, hat man bei der Errichtung der Brücken jeweils eine Fahrspur eingespart und sie als One-Lane-Bridges errichtet, also nur eine Fahrspur.

Eine Fahrtrichtung hat immer Nachrang, der vor der Brücke per Schild angekündigt wird. Oft sind die Brücken jedoch auf Kuppen oder vor engen Kurven, sodass man den Gegenverkehr erst sieht, wenn man schon auf die Brücke fährt. Zum Glück ist auf der Strecke so wenig los, dass es nie zum Problem wurde. Dreimal mussten wir stehenbleiben.

Warnschilder wegen Bären mahnen zur Vorsicht, aber dieses Straßenschild lässt so manchem Autofahrer das Blut in den Adern gefrieren – Hoizzahra! Wie wir schon einmal in unserem Reiseblog beschrieben haben, Holztransporter sind gnadenlos. Arno blickt immer wieder in den Rückspiegel, in der Hoffnung nicht direkt in den Kühlergrill eines verbeulten alten Trucks zu blicken, der 50 Tonnen Baumstämme hinter sich herschleift.

Wir erreichen die kleine Stadt Lake Cowichan, in der es nicht viel Aufregendes gibt.

Was uns hier zu einem Stopp veranlasst, ist die kleine Bäckerei, das Island Pastry Haus – ja das ist so richtig geschrieben. Als wir über die Straße gehen, landet eine schwarze Krähe auf dem schwarzen Gebäude – spooky. Wir öffnen die Türe, der süßlichen Duft von frische Gebackenem steigt uns in die Nase und das freundliche Lächeln der Verkäuferin begrüßt uns.

Mit viel zu viel knuspriger Ware steigen wir wieder ins Auto.

Auf dem Weg aus der Stadt kommen wir an einer Baustelle vorbei, es ist immer wieder faszinierend, wie auf diesem Kontinent aus OSB-Platten 4-stöckige Häuser gebaut werden. Bei uns würde man ein Finkenhäusel dieser Bauart gerade einmal für eine Gartenhütte verwenden, um dem Rasenmäher ein Zuhause zu geben.

Der Beton aus diesem in die Jahre gekommenen Werk wird wohl nicht für den Hausbau verwendet.

Wir machen einen kleinen Umweg Richtung Süden, um uns die Kinsol Trestle anzusehen. Dazu starten wir mit einer kleinen Wanderung durch den Wald.

Bei der Kinsol Trestle handelt es sich um eine hölzerne Eisenbahnbrücke, erbaut 1911, die eine 7 Grad Kurve in sich hat. Mit 44 Metern Höhe gehört sie zu den höchsten hölzernen Eisenbahnbrücken der Welt.

Züge voll mit geschlagenem Holz oder anderen Gütern fahren hier schon seit dem Jahr 1979 nicht mehr …

… dafür kann man sie heute zu Fuß oder mit dem Rad überqueren.

Über einen gewundenen Pfad kann man unter die Brücke gelangen und einen Blick von unten auf die Konstruktion werfen und bis an die Stützen gelangen.

Die Brücke wirkt auf dem Blick durch die Panoramaaufnahme viel stärker gekrümmt, als sie tatsächlich ist.

Die 4 Sackerl mit frischem Gebäck aus dem Island Pastry Haus müssen noch etwas warten, denn wir haben beschlossen einen Abstecher zur Merridale Cidery & Distillery zu machen.

Hier wird Obst angebaut, Cider gebraut und Schnaps gebrannt.

Nach einem kurzen Ausflug in den Shop genehmigen wir uns ein Mittagessen. Auf der Terrasse sitz man direkt im Obstgarten.

Die Apfelbäume sind zum Greifen nahe und kurz vor der Ernte.

Unter anderem gibt es eine Pizza mit Prosciutto, Ziegenkäse und Feigen.

Auf unserem Weg weiter nach Norden kommen wir durch die Stadt Duncan, in der es eine Totem Tour gibt. Bekannte Künstler der First Nation haben rund 40 Totems geschaffen, die in der Stadt aufgestellt wurden.

Gelbe Fußabdrücke am Gehsteig leiten die Besucher zu allen Kunstwerken aus Holz.

Dieser Totem nennt sich ‘Der Rabe stiehlt die Sonne’.

Der Rabe oben, das Gesicht in der Mitte stellt die Sonne dar, und die Figur unten ist der Adler, der in sitzender Haltung dargestellt ist.
Der Rabe ist schelmisch und hat die Sonne gestohlen. Der Adler verkörpert den Helden, der sie zurückbringt.
Seine Flügel ragen zu beiden Seiten heraus, und er hält die Sonne fest – er greift nach ihr und nimmt sie dem Raben wieder ab.
Das Gesicht in der Mitte der Brust des Adlers stellt den Geist dar, gewissermaßen den inneren Geist des Adlers.

Am Ende des Trails finden wir eine Caboose, die früher bei Zügen als letzter Wagon die Unterkünfte der Mannschaft, einen kleinen Aussichtsturm für eine bessere Übersicht über den Zug und die hintere Bremse stellte.

Nach ein paar kleinen Einkäufen geht’s zu unserem ersten Tankstopp. Der Tank ist noch mehr als halbvoll, aber morgen geht es wieder fernab der Zivilisation. Halbvoller Tank und über 55 Liter gehen rein? Na bumm! Zum Glück kostet der Liter nur €1,20.

Danach erreichen wir unsere Unterkunft für die heutige Nacht. Gegenüber ist ein Minigolf-Platz und er ist im Zimmerpreis inkludiert. Doch mehr als den Blick aus dem Zimmerfenster wird Arno heute nicht davon sehen, denn es ist Montagabend und damit Football-Pflichttermin, vor allem, wenn das Lieblingsteam der Hausherrin, die Kansas City Chiefs, spielen.

So geht wieder ein ereignisreicher Tag zu Ende und uns bleibt nur mehr euch allen eine gute Nacht zu wünschen.